Benutzerkonten sterben nicht

Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er Spuren im Netz – eine Aufgabe für die Angehörigen: Konten müssen gelöscht und Accounts geschlossen werden. Sind die Passwörter nicht hinterlegt, wird es mühselig. Aber nicht unmöglich.


Vor drei Jahren steht Sebastian Stepanski1 an einem Sommertag in seiner Küche in Hamburg-Altona. Er war im Prüfungsstress, BWL-Studium, mitten in der Klausurphase, da klingelt das Telefon. „Sebastian“, sagte die Stimme seiner Schwester auf der anderen Seite: „Mama ist tot.“

Drei Jahre ist das jetzt her, Sebastian Stepanskis Mutter starb an einem Hirnaneurysma. Völlig überraschend, völlig unerwartet. Und Stepanski, Eltern geschieden und zum Vater keinen Kontakt, musste sich plötzlich um Dinge kümmern, um die sich ein 25-Jähriger selten kümmert: Wohnungsauflösung, Testamentsöffnung, Beerdigung. Was er damals zunächst vergaß: den digitalen Nachlass, also E-Mail-Konten, den eBay-Account, die Facebook-Seite seiner Mutter. Darauf wies Sebastian Stepanski dann einige Zeit später ein Freund hin. Somit musste er sich fortan auch um die Spuren seiner Mutter in der digitalen Welt kümmern – nur wie?

Ihre Passwörter kannte er nicht. Also schrieb Stepanski die Internetfirmen an und bat um die Zugangsrechte. Er wollte die Konten nicht nur auflösen, er wollte auch einen tieferen Einblick in das Leben seiner Mutter erhalten – beruflich wie privat. In einigen Fällen erhielt er unter Vorlage des Erbscheins oder der Sterbeurkunde die Daten. Doch es gibt auch Unternehmen, die in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen erklären, dass selbst nach dem Tod die Zugangsdaten geheim bleiben.

Rechte gehen auf die Erben über

„Grundsätzlich geht das ganze Vermögen und damit auch der gesamte digitale Nachlass inklusive E-Mail-Accounts, Providerverträgen und Auskunftsansprüchen – zum Beispiel in Bezug auf Passwörter – auf die Erben des verstorbenen Internetnutzers über“, sagt Rechtsanwalt Prof. Dr. Peter Bräutigam von der Arbeitsgemeinschaft IT-Recht des Deutschen Anwaltverein (DAV). Sebastian Stepanski und seine Schwester waren die Alleinerben, es hätte also eigentlich alles klappen sollen. Aber warum weigerten sich einige Unternehmen?

IT-Rechtsexperte Bräutigam sagt: „Die Provider können sich auf das Telekommunikationsgeheimnis berufen und sich weigern, die E-Mails aus dem Account des Verstorbenen herauszugeben, die noch nicht abgerufen sind. Das ist nach derzeitiger Rechtslage erlaubt.“ Dann könnten die Erben auch nicht viel machen. Zumal in diesen Fällen das Fernmeldegeheimnis nicht nur ein Geheimnis des Erblassers, in dessen Rechtsstellung der Erbe eintritt, sondern auch ein Geheimnis der Absender der Nachrichten ist. Daher fordert der DAV in seiner Initiative zum digitalen Nachlass, an der auch Bräutigam mitgewirkt hat, eine Gesetzesänderung des TKG, die klar regelt, dass die Erben Zugang zu den E-Mails des Verstorbenen erhalten.

In den vergangenen Jahren haben einige Anbieter reagiert. Bei Google etwa kann jeder Nutzer zu Lebzeiten programmieren, wann der Account samt allen Daten automatisch gelöscht werden soll – zum Beispiel, wenn der Nutzer sich eine gewisse Zeit lang nicht mehr anmeldet. Vor der endgültigen Löschung wird der Nutzer sicherheitshalber stets per E-Mail informiert. Beim Netzwerk Facebook ist es ähnlich, mit einem Erbschein können die Angehörigen das Konto löschen – oder eine Gedenkseite aus dem Profil machen, die nur die Freunde einsehen können.

Die Daten sicher hinterlegen

Für Sebastian Stepanski stellte sich aber noch ein weiteres Problem: Seine Mutter hatte verschiedene Konten bei Online-Shopping-Portalen. Von denen wussten er und seine Schwester zunächst nichts. Ein Bestellkatalog kam eines Tages per Post, also machten sie sich auf die Suche nach weiteren Konten der Mutter. Eine Herausforderung, die sich schwer lösen lässt. Peter Bräutigam vom DAV rät daher, bereits zu Lebzeiten alle Aktivitäten im Internet, für die es einen Login braucht, zu dokumentieren und die Daten sicher zu hinterlegen. Zumindest so lange, wie eine einheitliche gesetzliche Regelung aussteht.

Sebastian Stepanski glaubt, dass er inzwischen alle Online-Aktivitäten seiner Mutter nachvollzogen und beendet hat. „Die Auseinandersetzung mit dem Leben meiner Mutter über die vielen Monate war schwierig“, doch sie habe auch etwas Gutes gehabt: „Ich habe viele Dinge über sie erfahren“.


1 Name geändert.

 

 


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